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Umwelt

Remote Work gegen den Klimawandel?

Remote Work gegen den Klimawandel

Das Thema Remote Work hat in den vergangenen Monaten Wellen geschlagen wie noch nie. Stark dazu beigetragen haben sicherlich die COVID-19 Pandemie und die immer stärker im Arbeitsmarkt fussfassenden jüngeren Generationen, die eine deutlich andere Gewichtung und Gestaltung der Kombination aus Arbeit und Freizeit anzustreben scheint.

Remote Work und flexibles Arbeiten allgemein wird als einer der grossen Unterschiede von New Work gegenüber klassischen Arbeitsformen angesehen. Häufig wird die Freiheit propagiert, von den idyllischsten Orten der Welt aus mit dem Laptop auf dem Liegestuhl arbeiten zu können. Dass sich solche Erfahrungen auf die persönliche Work-Life Balance enorm positiv auswirken können, ist sicherlich unbestritten. Bei der Thematik geht allerdings ein Aspekt viel zu oft komplett unter, nämlich die Bedeutung von Remote Work im Kontext der globalen Klimaerwärmung. Und damit auch (im Angesicht der aktuellen Ereignisse in der Ukraine und der starken Abhängigkeit von russischem Gas) für den Energiebedarf beim Pendeln und in Bürogebäuden.

50 Millionen Kilometer pro Tag

Gemäss dem Schweizerischen Bundesamt für Statistik nutzten im Jahr 2020 40% der Erwerbstätigen in der Schweiz (sogenannte Arbeitspendler, die gemäss der Definition einen fixen Arbeitsort ausserhalb des Wohngebäudes haben) das Auto für den täglichen Arbeitsweg. Im Durchschnitt wurden dabei täglich knapp 30 Kilometer zurückgelegt. Bei insgesamt 3.5 Mio. Pendlern sind das somit rund 1.75 Mio. Personen, die zusammengenommen täglich (!) eine Distanz von über 50 Mio. Kilometern im Auto zurücklegen. Nochmal in Worten: Fünfzig Millionen Kilometer, die alleine in der verhältnismässig kleinen Schweiz jeden Tag mit dem Auto gefahren werden, um den Arbeitsplatz zu erreichen. Diese Distanz entspricht 1235 Mal um die Erde. Wir betrachten hier wohlgemerkt allein die Berufspendler. Der gesamte Lieferverkehr, Touristen und weitere Verkehrsteilnehmer sind noch nicht einmal mit eingerechnet.

Nimmt man die in der EU ab 2020 für neu zugelassene Pkws geltenden CO2-Grenzwerte von 95 Gramm pro Kilometer als Massstab (und das ist überaus optimistisch, da nicht jeder der 1.75 Mio. Pendler 2020 ein emissionsarmes Neufahrzeug gekauft hat), bedeutet das, dass jeden Tag knappe 5000 Tonnen CO2 ausgestossen werden – oder 1.15 Mio. Tonnen pro Jahr. Gemessen am gesamten CO2-Ausstoss des Verkehrssektors im Jahr 2020 in der Schweiz ist das von einem Anteil von ca. 8%, der allein in das tägliche Pendeln zur Arbeit fliesst. Das wiederum entspricht damit ungefähr 3% des gesamten Schweizerischen CO2-Austosses pro Jahr – das mag wenig klingen, ist aber eine gewaltige Menge.

Nicht jeder kann remote arbeiten

Die etwas voreilige Schlussfolgerung wäre nun, einfach jährlich 3% der gesamten CO2-Emissionen der Schweiz dadurch einzusparen, in dem alle Pendler nur noch von Zuhause arbeiten. So einfach ist es dann aber doch nicht: nicht jeder Berufstätige kann (und will) von Zuhause arbeiten. Zählt man alle Personen zusammen, die 2020 mindestens gelegentlich im Homeoffice gearbeitet haben, kommt man gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz auf knapp 1.8 Mio. Personen, die remote arbeiten könnten. Leider sind mir keine Statistiken oder Studien bekannt, die Rückschlüsse auf die Anzahl Pendler mit Auto innerhalb der Menge der für Remote Work in Frage kommenden Personengruppe zulässt. Ich möchte daher an dieser Stelle den Fokus von den reinen Zahlen (die bereits jetzt für sich sprechen) auf meinen anfänglich erwähnten Gedanken zurück lenken:

Welchen Einfluss kann Remote Work auf den persönlichen Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen haben?

Stoppt die Zersiedelung?

Als ein wichtiger Beitrag zur Senkung der Emissionen durch den Verkehr wird gerne das Argument für die Konzentration der Bevölkerung in Städten ins Spiel gebracht. Damit sollen eine weitere Zersiedelung verhindert und gleichzeitig energieeffizientere Wohngeäude gebaut werden.

Das ist einerseits verständlich, andererseits aber zu einseitig gedacht, denn die daraus resultierende Landflucht hat durchaus ernst zu nehmende Folgen für die ländlichen Regionen. Teilweise verwaisen ganze Landstriche und Ortschaften, die Alten bleiben zurück und die Jungen gehen fort (obwohl mittlerweile, angestossen durch die Corona-Pandemie, ein gewisses Umdenken feststellbar ist). Regionales Gewerbe ist nicht mehr rentabel und bleibt auf der Strecke, was widerum das perfekte Futter für die konservativen Parteien ist, um auf Stimmenfang mit Argumenten gegen die „arroganten Städter“ zu gehen. Mittel- bis langfristig wäre das im Hinblick auf das Parteiprogramm dieser Parteien für die Bemühungen gegen die globale Erwärmung maximal kontraproduktiv.

Remote Work ermöglicht hier eine völlig andere Herangehensweise. Einerseits kann das regionale Gewerbe gestärkt und unterstützt werden, andererseits hat die schiere Menge an nicht gefahrenen Autokilometern einen signifikanten Anteil an der Reduzierung der CO2-Emissionen. Natürlich ist es so, dass die Personen, die an ihrem Wohnort arbeiten, dann als Einnahmequelle im Einzelhandel der Städte fehlen, durch ihre Kaufkraft sorgen sie jedoch für ein stärkeres ökonomisches Wachstum in den ländlichen Regionen.

Energiefresser Bürokomplex

Schauen wir uns als nächstes einmal die Büros selbst an: die riesigen Bürogebäude haben in den Städten einen immensen Platzbedarf und reduzieren den oftmals ohnehin begrenzten Wohnraum noch mehr.

Neben der reinen räumlichen Ausdehnung müssen diese Gebäude im Sommer gekühlt und im Winter beheizt werden. Ersteres wird potentiell immer mehr Energie verschlingen: wer bereits einmal während einer der seit Jahren zunehmenden Hitzewellen aus dem angenehm temperierten Bürogebäude in einer Stadt auf die Strasse gegangen und gegen eine Wand aus Hitze gelaufen ist, weiss wovon ich spreche. Während des Winterhalbjahres ist hingegen zusätzliche Energie für die Beleuchtung und das Beheizen nötig. Energie, die im Gegenzug jedoch nicht in den Wohnungen und Häusern der Mitarbeiter eingespart wird, da normalerweise niemand tagsüber zuhause die Heizung abschaltet. Denn wer möchte schon nach dem Arbeitstag in eine kalte Wohnung kommen.

Hinzu kommen weitere Stromfresser wie der im Dauerbetrieb durchlaufende PC unter dem Schreibtisch. Menschen ändern ihr Verhalten in der Regel nur durch Anpassung an soziale, ökonomische oder rechtliche Normen. In diesem Fall wäre das Ändern der Verhaltensweise davon abhängig, ob die Stromrechnung vom Mitarbeiter bezahlt werden müsste. Ist dieser ökonomische Antrieb allerdings nicht gegeben, ist die Bereitschaft, selber etwas zu verändern und den Computer vor dem Verlassen des Büros auszuschalten, entsprechend gering.

Im Schnitt wird in einem typischen Bürogebäude von einem Energieverbrauch von über 120 kWh pro m2 Bürofläche pro Jahr ausgegangen. Eine Publikation der Deutschen Energie Agentur listet hier eindrucksvoll den Energiebedarf eines typischen Bürogebäudes für das Heizen, Lüften und den Betrieb von Elektrogeräten auf. Zum Vergleich: Die typische Grösse des Akkus eines modernen Elektroautos entspricht 60-70 kWh. Nimmt man ein Büro mit einer Fläche von 200 m2 (was eher als klein zu bezeichnen ist), das nicht genutzt wird und damit keine Energie benötigt, würde die eingesparten Energie ausreichen, damit je 200 Personen mit einem Elektroauto eine Strecke von rund 800-1000 Kilometern zurücklegen könnten.

„Zweitimmobilien“ und Statussymbole

Die wenigsten sind sich bewusst, dass Bürogebäude letzten Endes eine Art Zweitimmobilie sind, die von den Arbeitgebern zur Verfügung gestellt werden. Wir werden also durch die Nutzung von Büros unfreiwillig zu Nutzern von Zweitimmobilien, obwohl wir den Job auch von Zuhause aus durchführen könnten. Wir leisten uns den Luxus eines riesigen Energieverbrauchs, der (nimmt man typische Bürozeiten zwischen 7 Uhr und 18 Uhr an) über die Hälfte der Zeit ungenutzt bleibt. Wir erinnern uns: in den allermeisten Wohnung und Häusern laufen während der Arbeitszeit genauso die Heizungen, der Kühlschrank und weitere Energie verbrauchende Geräte.

Fahren wir dann auch noch mit dem Auto, dem Statussymbol schlechthin, zur Arbeit, müssen wir uns ernsthaft die Frage gefallen lassen, ob wir hier nicht die falschen Prioritäten setzen. Wer sich bewusst oder aus finanziellen Gründen dafür entscheidet, nicht in ÖV-, Fahrrad- oder Fussdistanz zu seinem Arbeitgeber zu wohnen, sollte ehrlich hinterfragen, welchen Preis alleine die täglichen Fahrten ins Büro für unser Klima hat. Denn der besteht eben nicht allein aus dem finanziellen Anteil. Er setzt sich ebenso aus Ressourcen (Öl, Gas, Strom) zusammen, die verbraucht werden und aus Emissionen (primär CO2), die erzeugt werden. Er setzt sich weiterhin zusammen aus dem Platzbedarf, der es den „schwächeren“ Verkehrsmitteln wie Fahrrädern in den Innenstädten schwierig macht. Mehr Autos, weniger Fahrradfahrende. Weniger Fahrräder, tendenziell noch mehr Autos, denn irgendwie müssen auch diese Menschen zu ihrer Arbeitsstelle kommen. Es ist ein Teufelskreis, in dem auch Elektroautos nur bedingt etwas nützen. Denn auch wenn sie emissionsfrei unterwegs sind, so benötigen sie dennoch den gleichen Platz.

Und der soziale Effekt?

Als einer der grössten Kritikpunkte an Remote Work ist häufig das Argument der sozialen Vereinsamung zu hören. Ich halte das persönlich aus mehreren Gründen für schwierig:

Sind wir nur noch in der Lage, einen Freundeskreis und Bekanntschaften zu pflegen, die im Kontext der Arbeitsstelle entstanden sind? Entsteht dadurch nicht eher eine Art Blase, in der man sich bewegt und seine Ansichten unter Gleichdenkenden bestätigt bekommt? In vielen Firmen entstehen mit der Zeit bewusst gewisse kulturelle und politische Profile, denn die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung ist ein integraler Bestandteil vieler Unternehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dadurch aber vor allem mit Gleichdenkenden zu interagieren, ist also ziemlich hoch. Sollte es daher nicht möglich sein, einen ebenso grossen, aber gleichzeitig diverseren Freundeskreis in der Umgebung seines Homeoffice-Standortes aufzubauen?

Zweitens stehen diesen Argumenten die durch unzählige Befragungen und Studien (verlinkt ist eine Langzeit-Umfrage vom Fraunhofer Institute for Applied Information Technology FIT vom September 2021) evaluierten Zahlen entgegen, gemäss denen die Mehrzahl der Berufstätigen mindestens teilweise im Homeoffice arbeiten möchte. In Anbetracht der manchmal fast schon verzweifelt wirkenden Argumentation von Unternehmerseite in Bezug auf den Aspekt der sozialen Isolation (insbesondere ohne Corona-bedingte Lockdowns) kommt die Frage auf, ob es wirklich darum geht. Oder dient dieses etwas emotionale Thema eher als Vorwand, um dem eindeutigen Trend noch ein Weilchen entgehen zu können? Abgesehen davon zeugen soziale Isolation in Unternehmen und das Empfinden fehlender Zugehörigkeit zum Team eher von Missständen in der Teamkultur und damit dem Management und der Hebel sollte erst einmal an dieser Stelle angesetzt werden.

Drittens sind im europäischen Raum die Tage des Corona-bedingten Homeoffices vorbei. Das es in dieser Konstellation zu einer gewissen Isolierung kommen konnte, ist nachvollziehbarm trifft allerdings mittlerweile nicht mehr so zu. Denn es geht im Diskurs über Remote Work gegen den Klimawandel nicht um die grundsätzliche Isolation von Menschen, sondern um einen anderen Ansatz des Arbeitens für alle Berufe, in denen dies grundsätzlich problemlos möglich wäre. Dabei dürften durchaus neue Kontakte entstehen, die durch den flexibleren Tagesablauf und dem generellen Mehrgewinn an Zeit durch wegfallende Pendelfahrten möglicherweise sogar wertvoller sein können.

Am Ende hilft nur Verzicht

Im Kontext der Klimaerwärmung werden von vielen Menschen immer wieder die gleichen Begründungen angebracht, warum Klimaschutz auf individueller Ebene wirkungslos sei: die reichen Eliten und die Politik sollen vorangehen, die anderen machen ja auch nichts, was kann ich als Einzelner schon bewirken und überhaupt, die Chinesen mit ihren Kohlekraftwerken. Wer sich einmal mit den Gründen für dieses Verhalten auseinandersetzen möchte, sollte sich mit der kognitiven Dissonanz beschäftigen.

Tatsache ist jedoch auch, dass es eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, seinen eigenen CO2-Footprint zu verbessern. Bei der Einschätzung kann zum Beispiel ein CO2-Rechner helfen. Die Ergebnisse beziffern in den allermeisten Fällen die eigene Mobilität sowie Immobilien als mit Abstand grössten Emittenten. Ob die angegebenen Emissionsmengen nun im Detail stimmen oder nicht, ist dabei allenfalls zweitrangig. Was wichtig ist, sind die relativen Verhältnisse der einzelnen Komponenten zueinander. Kann man als Pendler also auf mehrere Tausend Kilometer pro Jahr mit dem Auto verzichten und häufiger oder sogar komplett von Zuhause aus arbeiten, ist der individuelle Effekt im Kombination mit den Energieeinsparungen im Gebäudesektor durchaus als signifikant zu bezeichnen.

Populär ist diese Einstellung (noch) nicht, ehrlich sich selber gegenüber hingegen schon. Der persönliche finanzielle Anreiz sollte durch deutliche Einsparungen (Treibstoff, Fahrkarten, auswärts Essen gehen) ohnehin gegeben sein, insbesondere in der aktuellen Zeit, in der die Inflation zunimmt und viele Produkte und Dienstleistungen teurer werden.

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