Moltinden — Ausweichtour mit Lofoten-Panorama

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten
Story, Travel

Eigentlich stand heute die Wanderung auf den 543 m hohen Ryten mit Blick auf den Kvalvika Strand an der Westküste von Flakstad auf unserem Programm. Aber oft kommt es eben anders als geplant – oder es kommt anders, weil man eben nicht geplant hat.

Viele Parkplätze an Sehenswürdigkeiten oder Ausgangspunkten zu beliebten Wanderungen sind auf den Lofoten kostenpflichtig. Die Gebühren bezahlt man in den meisten Fällen entweder mit Bargeld oder per Vipps, ein den Norwegern vorbehaltenes digitales Zahlungssystem. Das haben wir bei unserer Planung schlichtweg vergessen und der Parkplatz in Innersand ist da natürlich keine Ausnahme. Norwegische Kronen oder Euros in unserem Geldbeutel? Leider Fehlanzeige. 🤦‍♀️

Wir ärgern uns also ein bisschen über uns selbst und treten den Rückzug an, denn nicht bezahlen ist ja auch keine Lösung.

Moltinden – ein spontaner Plan B

Schnell brauchen wir ein Ersatzprogramm, um diesen perfekten Sonnentag auszunutzen. Für mich eine Herausforderung, denn ich weiss am liebsten schon zwei Tage vorher, wo es hin geht, wie viele Höhenmeter auf mich warten und was es sonst noch zu wissen gibt. Jetzt ist aber Spontanität gefragt.

Etwas planlos verlassen wir den Parkplatz bei Innersand und fahren erst einmal los. Kurz vor Ramberg erspähen wir an einem Berghang einen Wanderweg und denken: Der oder keiner. Also ziehen wir die Rucksäcke aus dem Van und stiefeln einfach mal los. Ziel? Noch unbekannt und ich bin gespannt, was wir da oben so vorfinden.

Erst nass, dann steil

Die Lofoten und allgemein sehr viele küstennahe Gebiete in Norwegen bieten häufig genau zwei unterschiedliche Zustände bei den Wanderwegen: entweder sind sie richtig steil oder sie sind nass und sumpfig. Manchmal auch beides gleichzeitig, aber dann macht’s meisten gar keinen Spass mehr.

Im Aufstieg zum Moltinden geht’s aber der Reihe nach: erst nass, dann steil. Bevor wir den von der Strasse aus erspähten Wanderweg finden, wartet ein relativ flaches Wiesenstück auf uns. So nah an der Küste treffen wir natürlich auf die typisch sumpfige Lofotenlandschaft. Mit Storchenschritten waten wir durch das wadenhohe Gestrüpp und versuchen zu verhindern, dass unsere Wanderschuhe geflutet werden. Das sieht vermutlich genau so „grazil“ aus, wie du es dir gerade vor deinem geistigen Auge vorstellst. Zwei Hampelmännchen on tour.

Vielleicht nicht wirklich elegant, dafür mit trockenen Socken und Füssen erreichen wir den ersehnten Wanderweg. Ein kleiner Pfad, auf dem nicht lange gefackelt wird — der Übergang vom flachen Sumpfgelände hin zu „himmel-herrgott ist das steil hier“ ist wirklich bemerkenswert. Teilweise führt der jetzt eher steinige Weg schnurgerade den Hang hinauf und zumindest bei mir zwicken bereits nach wenigen Minuten deutlich die Waden. Beide norwegische Wanderweg-Klischees innerhalb weniger Minuten erfüllt. Schritt für Schritt lassen wir die Strasse unter uns und steigen in monotonen Schritten immer weiter nach oben.

Sonne und Wind – auf den Lofoten kann es auch im Sommer durchaus kalt werden

Brote weg, Bäuche voll

Der Aufstieg hat hungrig gemacht und wir gönnen uns eine ausgiebige Pause mit viel Proviant, viel Wind und viel Aussicht. Die Schneereste an den gegenüberliegenden Berghängen von Fuglhuken, Ryten und Moltinden (den Namen tragen wohl mehrere Berge 😄)  schmelzen in der frühen Nachmittagssonne und die Ebene dazwischen sieht aus wie eine Modellbahnlandschaft — nur eben ohne Bahn. Dafür mit von hier oben winzig scheinenden Autos, die sich auf den Strassen begegnen und über die geschwungenen Brücken fahren, welche die kleinen Inseln miteinander verbinden.

Wir sind allerdings neugierig, welche Aussichten dort weiter oben auf uns warten und beschliessen noch weiter zu gehen. Wir schultern also wieder unsere Rucksäcke und folgen den Pfadspuren bergauf.

Ich nenne sie „Wipp-Böden“.

Kurz geht es etwas flacher weiter und wir treffen auf die typisch norwegisch weichen Wanderböden. Leicht feucht, aber nicht nass und von unzähligen Wurzeln der Heidelbeer- und Wacholdersträucher durchzogen, federn sie jeden Schritt und geben mir dieses ganz bestimmte Gefühl von Leichtigkeit beim Gehen und Wandern.

Wippend erreichen wir also einen Felssporn, der imposant aus dem eigentlichen Massiv heraus ragt und wie eine natürliche, aber etwas schmale Aussichtsplattform über Ramberg thront. Die enge Wegspur auf dem schmalen Grat verlangt nach einem sicheren Tritt und meine Herzfrequenz kommentiert den Blick in den Abgrund unter mir gleich mit. Aber der Mut, den ich aufbringe, um bis nach vorne zu laufen wird belohnt und während aus dem Tal Baggergetöse aus Ramberg zu uns herauf schallt, haut uns die Aussicht auf Ramberg hinunter aus den Socken.

Der Blick in die andere Richtung, also den Berg hinauf (mittlerweile wissen wir, dass der Gipfel über uns der Moltinden ist) erzählt jedoch eine andere Geschichte.

Typischer Influencer-Hotspot, aber zum Glück (noch) ohne Influencer…

Panorama Deluxe

Im steilen Zick-zack windet sich der Wanderweg eintönig durch Geröllhalden bis wir fast 700 Höhenmeter nach unserem Aufbruch endlich den Vorbau des Gipfels am Moltinden erreichen. Die letzten Meter, die uns von unserem Ziel trennen, führen über Grassstufen und Steinblöcke in ausgesetztem Gelände nach oben. Ich zögere kurz und schicke mal lieber Falko vor. Für ihn natürlich kein Problem und genug, um den Ehrgeiz in mir zu wecken. 😄 Ein bisschen Mut brauche ich schon, um mich auf dem schmalen Weg zum Hauptgipfel hinüber zu trauen, aber eigentlich hat es schwieriger ausgesehen, als es dann tatsächlich ist. Und der Mut hat sich mehr als gelohnt.

30 Sekunden später und eine atemberaubende 360° Rundumsicht reicher stehen wir gemeinsam auf dem Gipfel des Moltinden und ich kann kaum fassen, welche Aussicht sich hier um mich herum ausbreitet. Als kleiner Bruder des mehr als 160 m höheren Stortinden wirkt der Moltinden aus dem Tal eigentlich nur mässig imposant. Von oben allerdings trumpft dieser unscheinbare Hügel mit unglaublich spektakulären Aussichten in jede erdenkliche Himmelsrichtung auf. Das nenne ich wirklich Panorama Deluxe!

Unsere Blicke streifen über die Gipfel von Flakstad, wandern über den Solbjørnvatnet, treffen auf den Volandstinden und tauchen in den schmalen Nordfjorden ein. Wir werden vom Stortinden überragt und staunen im Anblick der vermutlich 800 m hohen und plattigen Felswand, in die er abbricht. Gleich darunter fesselt der Flakstadpollen mit seiner interessanten Färbung und der zweifarbigen Struktur unsere Aufmerksamkeit.  Und direkt unter uns liegt die Jusnesvika und der karibisch anmutende Strand von Ramberg.

Obwohl uns ein strammer Wind um die Ohren weht und wir mittlerweile unsere winddichten Jacken hervorgeholt haben, glaube ich, dass wir hier mindestens eine halbe Stunde stehen, fotografieren und staunen. Immer wieder drehen wir uns um uns selbst und können uns nicht satt sehen an den unzähligen Eindrücken, die aus jeder Richtung auf uns einprasseln.

Wolkenspiele rund um die schroffe Küstenlinie der Lofoten

Plan B — ein voller Erfolg

Am liebsten würden wir hier einfach sitzen bleiben, aber irgendwann geht nun einmal jedes Gipfelerlebnis zu Ende und der steile Abstieg sitzt uns noch im Nacken. Mittlerweile an die steilen Abbruchkanten um mich herum gewöhnt, klappt die kurze und ausgesetzte Passage zum Vorgipfel zurück jetzt viel einfacher und kurz darauf stehen wir schon wieder mitten in der steilen Flanke. Noch immer im Bann des Panoramas um uns herum folgen wir dem Zick-Zack wieder Richtung Tal und mit jedem Meter, den wir an Höhe verlieren, wird auch der Wind weniger. Bald verschwinden die Jacken in den Rucksäcken und die Gipfelfreude weicht einer zufriedenen Müdigkeit in unseren Beinen.

Im Van wartet eine Packung Kanelbullar auf uns – der perfekte Plan B, wenn gerade kein Café in Sicht ist, um eine wunderbare Wanderung gebührend zu beenden.

Abschied von einem einsamen, dafür umso schöneren Gipfel

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