Wanderung auf den Rasletinden

Geschätzte Lesezeit: 10 Minuten
Sports & Travel, Story

Wir sind früh losgefahren und noch ein bisschen steif steigen wir auf dem Parkplatz des Flye 1389 aus unserem Van und blinzeln in die Sonne. Ein frischer Wind weht uns um die Nase, als wir zu unserem heutigen Ziel, dem Rasletinden, hinüber blicken. Wir wischen uns den letzten Schlaf aus den Augen und nach wenigen Minuten sind die Rucksäcke gepackt, die Schuhe geschnürt und wir bereit für einen Tag in der Weite des Jotunheimen Nationalparks.

Abseits der Zivilisation

Viel erinnert hier nicht mehr an Zivilisation und als wir ungefähr 45 Sekunden nach unserem Aufbruch die Strasse überquert haben und den Wanderweg zum Rasletinden einschlagen, sehen wir vor uns nur noch Natur. Kein Gebäude, keine Strasse und nicht mal eine winzige Stromleitung erinnern uns daran, dass wir gar nicht so weit weg sind von all dem. Vor uns liegt nur noch ein Trampelpfad. Viele kleine und grössere Seen oder Teiche breiten sich aus, wir streifen durch niedrigen Pflanzenbewuchs und vorbei an flauschigem Wollgras, blicken auf Geröll und Berge, die teilweise von Schnee und Eis bedeckt sind.

Ab jetzt gibt es nur noch Fels, Wasser und spärliche Vegetation
Im norwegischen Hochland lässt man die Zivilisation schnell hinter sich. Der Weg hinauf auf den 2105 Meter hohen Rasletinden (hier in der Bildmitte) ist aber gut markiert.

Im Land der Riesen

Alles scheint hier riesig. Die Weite der Landschaft, die sich schier endlos dahin ziehenden Bergrücken, die ins unendliche laufenden Wanderwege und (leider) auch die Entfernung zu den Gipfeln. Aber irgendwie verständlich, schliesslich befinden wir uns im Jotunheimen und übersetzt bedeutet dieser Name „Heim der Riesen“. Unser Gipfelziel, der Rasletinden, gehört mit seinen 2105 Metern Höhe ebenfalls zu den Riesen und verfehlt nur knapp die Top 100 der höchsten Berge in Norwegen (Platz 114 😄).

Den Gipfel des Rasletinden haben wir von Anfang an im Blick, aber der Weg dorthin sieht kürzer aus, als er tatsächlich ist. Um so einen Riesen zu bezwingen ist also vor allem Geduld und Durchhaltewillen gefragt. Denn zwischen unserem Startpunkt am Parkplatz und dem eigentlichen Aufstieg trennt uns die Seenlandschaft Fisketjernet von unserem Ziel, die wir zuvor durchqueren müssen.

Wir folgen dem schmalen Pfand, der viel weniger sumpfig ist, als wir es hier erwartet hätten und freuen uns über die professionell verlegten Holzplanken, die das Queren in den wenigen völlig durchnässten Abschnitten zum Kinderspiel werden lassen. So machen uns sogar norwegische Sumpfdurchquerungen Spass und wir laufen in flottem Schritt und auf wippenden Holzbohlen dem Aufstieg entgegen.

Von allem unendlich viel

Nachdem wir die Fischteiche hinter uns gelassen haben, wartet das Steindalen auf uns. Über zwei bis drei Kilometer Breite erstreckt sich die kleine Hochebene, die wir durchqueren, bevor wir endlich im steileren Gelände mehr Höhenmeter gewinnen können. In unserem Rücken wird die Valdresflye Strasse, von der wir gestartet sind, immer kleiner und unseren Van können wir von hier schon gar nicht mehr erkennen. Lediglich ein paar Punkte sind auf dem weit entfernten Parkplatz auszumachen.

Aber anstatt zurück, blicken wir lieber nach vorne oder zur Seite. Ach, eigentlich lohnt sich hier unentwegt der Blick in jede Richtung. Denn nebst der Tatsache, dass im Jotunheimen alles riesig ist, gibt es von allem auch unendlich viel. Unendliche viele Gipfel, die um uns herum die Landschaft säumen und sich sanft gen Himmel strecken, unendliche Geröllmassen, die uns das Gefühl geben, als würden wir in einer Mondlandschaft wandern und natürlich gehören zu so einer Wanderung auch unzählige kleine und grosse Schritte, die uns nach und nach unserem Ziel ein Stück näher bringen.

Wer Weite sucht, wird hier fündig.
Dank der exponierten Lage und der generell endlosen Weitsicht im Jotunheimen Nationalpark kann das Auge ohne Hindernisse Dutzende Kilometer in die Ferne schweifen.

Steiniger Weg zum Gipfel des Rasletinden

Mit jedem Schritt, den wir zurück legen, jedem Felsen, den wir hinauf steigen und mit jeder Stufe, die wir erklimmen, wird das Panorama um uns herum eindrücklicher. Ich bekomme davon allerdings erst mal gar nicht so viel mit. Der Weg zum Gipfel des Rasletinden ist zwar markiert, aber es gibt keinen „wirklichen“ Weg, wie man das von vielen Wanderungen aus dem Alpenraum kennt. Die Markierungen, grosse rote „T“-Buchstaben, die immer gut sichtbar sind, führen uns über Geröll und Fels in jeder erdenklichen Form und Grösse und verlangen einiges an Aufmerksamkeit und Trittsicherheit.

Absatz um Absatz steigen wir nach oben, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit, einer halben Mondumrundung und einem weiten Linksbogen endlich den namenlosen Vorgipfel erreichen. Ganz nah sieht unser Ziel jetzt aus, viel näher als vor zwei Stunden, als wir unten an der Strasse aufgebrochen sind. Allerdings täuscht der Anblick. Obwohl uns nur noch 1.4 Kilometer vom eigentlichen Gipfel trennen, benötigen wir – dem Geröll sei dank – nochmals eine halbe Stunde für diese kurze Distanz. Aber egal, wie anstrengend dieser Aufstieg auch war, er lohnt sich.

Nach zweieinhalb Stunden stehen wir auf dem Gipfel des Rasletinden. Das Panorama ist unglaublich, in jede Himmelsrichtung erstrecken sich zahllose Berggipfel und die Weite der Landschaft ist nahezu unbegreiflich. Wir drehen uns um uns selbst und geniessen ausgiebig diesen Anblick und die Stille um uns herum.

Gletscherschwund im hohen Norden
Auch in den Hochlagen im Norden nimmt die verbleibende Menge an Gletschern rasch ab. Insbesondere kleine Eisflächen wie hier im Bild haben kaum Chancen auf ein noch etwas längeres Bestehen.

Das Ziel vor Augen

Irgendwann geht aber eben auch das schönste Gipfelerlebnis zu Ende und wir treten den Rückweg an. Beim Gegenanstieg zurück zum Vorgipfel registriere ich, wie schwer meine Beine sind. Die Entfernung, das nahezu weglose Gelände, das ständige Auf und Ab über die Geröllfelder, das alles kostet ganz schön Energie und ich merke, dass ich langsam müde werde. Aber es hilft ja nichts, irgendwie müssen wir wieder runter kommen.

So konzentriert wie möglich, so schnell wie nötig und mit Falko, der mich mit Faxen bei Laune hält, setzen wir unseren Abstieg fort. Langsam werde ich der Felsen, des Gerölls, der Stufen, Tritte und Blöcke überdrüssig und bin wahrlich erleichtert, als das Gelände um uns herum endlich flacher wird. Bei der Querung des Steindalen läuft es sich gleich wieder viel leichter und zurück auf den Holzplanken zwischen den kleinen Seen des Fisketjernet macht es fast schon wieder Spass. Vielleicht ist es aber auch die Vorfreude auf das Ende dieser langen Wanderung und eine Tasse heissen Kaffees und leckere Zimtschnecken in der Nachmittagssonne, die mich die Müdigkeit in meinen Beinen nicht mehr so spüren lassen. Denn die letzten Meter vergehen wie im Flug und dann stehen wir wieder an unserem Startpunkt an der Valdresflye Strasse.

Müde. Zufrieden. Hungrig. Scheint so als hätten wir bei unserer Wanderung zum Rasletinden alles richtig gemacht.

Dazu passende Wandbilder

Langweilig oder kurzweilig?
In Richtung Nordosten geht der Blick zum Sjodalsvadnet, einer von unzähligen kleineren und grösseren Seen hier im Hochland des Jotunheimen Nationalparks.

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